Aikido Seishinkai Herbstlehrgang November 2019

„Perlentaucher“ – Eindrücke vom Seishinkai Aikido Frühlingslehrgang

Für mich als Leiter eines der Seishinkai Aikido Dojos sind die Frühlings- und Herbstlehrgänge „gesetzt“. Unverrückbar im Terminkalender verankert. Seit vielen Jahren schon begleiten mich dabei nicht selten Schülerinnen und Schüler aus dem AZUNU, von denen viele in diesem Rahmen ihre Passage (Gürtel-Graduierung) machen.

Reine Routine? Im Gegenteil!

Wie kommt es, dass sich trotzdem keine Routine im Laufe der Jahre einstellt? Das liegt am „DO“ im Aikido – dem Weg, den wir immer weitergehen. Wir bleiben nicht auf den Fleck stehen. Dass die Routine ausbleibt, liegt auch an Thorsten Schoo Sensei. Mit beeindruckender Energie und großem Fleiß findet er immer wieder besonders lohnenswerte Strecken auf dem DO.

Schoo Sensei möge mir das folgende Bild verzeihen: Manchmal erscheint er mir wie ein Perlentaucher, der in Tiefen vordringt, in die ich nicht ohne Weiteres vordringen würden. Von dort bringt er die schillerndsten Schätze mit, die er nicht für sich behält, sondern gerne teilt, mir und anderen zugänglich macht und sich zusammen mit allen Lehrgangsteilnehmern darüber freut. Ganz nebenbei lerne ich jedes Mal, die Luft wieder ein bisschen länger anzuhalten, um auch eigenständig tiefer tauchen zu können.

Die Idee von „Wu Wei“

Um noch kurz in diesem Bild zu bleiben: Auf dem diesjährigen Herbstlehrgang kam eine ganz besondere Perle aus der Tiefe empor. Es ging um das taoistische Prinzip des „Wu Wei“ und um den Abbau von überflüssigen Spannungen im Körper, die diesem Prinzip entgegenstehen.

Ein ganz anderes Bild beschreibt sehr schön Wu Wei, das wir „Westler“ etwas holperig als „handeln durch nicht-handeln“ bezeichnen: Ein Kind wirft ein Stöckchen in den reißenden Bach und schaut ihm hinterher. Da tanzt es auf den Wellen, dreht sich, geht unter, bleibt am Stein hängen und taucht woanders wieder auf. Das Stöckchen hat kein Problem mit dem Strom, im Gegenteil: In perfekter Harmonie mit den Elementen ist es perfekt. Das Kind am Ufer – der Beobachter – ist entzückt!

Unsere Körperintelligenz muss das Prinzip vollkommen verstehen – zu 100 Prozent – damit wir fundamental in der Lage sind, AI KI entstehen zu lassen.

Thorsten Schoo Sensei

Welch ein Kontrast zu diesem rigiden Gitterwerk aus Plänen, Projekten und Strukturen, welches wir unser Leben nennen, und das keine Grazie kennt im Strom der Zeit. Vielleicht entsteht dadurch dieses „ungreifbare“ Gefühl, das einem die Zeit irgendwie unter den Händen durchgleitet? Gut möglich, dass die Anwendung von Wu Wei auf das gesamte Leben mehr Zufriedenheit bringt. (Vielleicht gibt es sogar eine Art Verwandtschaft zu laissez-faire oder hakuna matata?)

„Spannungsmanagement“ als Schlüssel zu neuen Leveln

Auf jeden Fall ist es für uns als Kämpfer vorteilhaft, das Prinzip des Wu Wei in jeder Situation zu identifizieren. Das lernen wir aber nicht allein aus Texten, Grafiken oder Erzählungen. Unsere Körperintelligenz muss das Prinzip vollkommen verstehen – zu 100 Prozent – damit wir fundamental in der Lage sind, AI KI entstehen zu lassen. Genau dazu hat Schoo Sensei für den Aikido Herbstlehrgang ganz konkrete Übungen entwickelt. Besonders spannend – besser gesagt: entspannend – war das „Spannungsmanagement“. Zunächst die Wahrnehmung von körperlichen Spannungen, wie sie viel zu leicht, oft unbewusst entstehen und die Erkenntnis, dass sie im Aikido leider meist gar nicht helfen… Dann das bewusste Loslassen und die Erfahrung, wie sehr dieses Spannungsmanagement die Durchführung auch der „einfachsten“ Techniken auf ein ganz neues Level hebt. Wie immer fällt es so schwer, diese Erfahrung, den ganzen Lehrgang, mit Worten einzufangen. Umso glücklicher bin ich, dabei gewesen zu sein – ganz ohne Routine.

Thorsten Schoo Sensei mit Olaf Marshall beim „Spannungsabbau“

(Beitragstitelfoto: Miles Hardacre / pexels.com)